{"id":8293,"date":"2018-04-27T00:00:17","date_gmt":"2018-04-26T22:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/chronik.blackblogs.org\/?p=8293"},"modified":"2018-04-27T00:00:17","modified_gmt":"2018-04-26T22:00:17","slug":"farbe-und-steine-gegen-start-up-standorte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/chronik.noblogs.org\/?p=8293","title":{"rendered":"Farbe und Steine gegen Start-Up Standorte"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/chronik.blackblogs.org\/wp-content\/uploads\/sites\/109\/2018\/04\/26762.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-8295\" src=\"https:\/\/chronik.blackblogs.org\/wp-content\/uploads\/sites\/109\/2018\/04\/26762-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\"><\/a>Berlin<\/strong>, April 2018<\/p>\n<blockquote><p>Gentrifizierung und steigende Mieten sind in Berlin leider schon lange bekannt, schlechte Arbeitsverh\u00e4ltnisse erst recht. Relativ neu sind hingegen Start-Ups, Co-Working Spaces und Technologie Parks, die das Ganze auf die Spitze treiben. Darum haben wir einigen von ihnen einen Besuch abgestattet: der Factory Mitte, dem Technologiepark Humboldthain und dem geplanten Google-Campus in Kreuzberg.<\/p>\n<p>Die politisch bef\u00f6rderte Ansiedlung von Start-Ups und Co-Working Spaces in unterschiedlichen Kiezen in Berlin zieht die Schrauben von Aufwertung und Verdr\u00e4ngung in der unternehmerischen Stadt weiter an.<!--more--> Gr\u00f6\u00dfere Co-Working Areale wie die von Factory wirken als Motor der Gentrifizierung. Steigende Preise f\u00fcr Gewerbefl\u00e4chen in der Umgebung verdr\u00e4ngen soziale Tr\u00e4ger und Kleingewerbe, entziehen den Betreiber*innen die ohnehin prek\u00e4re Gesch\u00e4ftsgrundlage. Das Beteiligungsunternehmen Rocket-Internet SE beispielsweise, wozu auch Zalando geh\u00f6rt, kaufte die Ufer-Hallen im Wedding, um diese mittelfristig f\u00fcr Start-Ups herzurichten. Die dort arbeitenden K\u00fcnstler*innen und ihre Ateliers werden weichen m\u00fcssen. Eine weitere Welle der kapitalistischen Standortaufwertung ist die Nachhut der Start-Ups. Sie l\u00e4sst unsere Kieze zu Kulissen f\u00fcr die Mehrwertgenerierung ver\u00f6den. Kein Platz mehr f\u00fcr die, die nicht ins Bild der reichen und geleckten Stadt passen.<\/p>\n<p>In der Start-Up-City haben auch Mieter*innen nichts zu lachen. Mietwohnungen werden zu hochpreisigen, m\u00f6blierten Apartments mit tempor\u00e4ren Mietvertr\u00e4gen aufgewertet: Neuer Wohnraum f\u00fcr die hyperflexible Arbeiter*innenschaft der Tech-Branche, die Berlin so umgarnt. Durch die stetige Neuvermietung lassen sich rasant wachsende Profite erzielen. Unternehmen wie \u201ewunderflats\u201c bieten Wohnungseigent\u00fcmer*innen den Service, ihre Wohnungen zu m\u00f6blierten Luxusapartments herzurichten. Anschlie\u00dfend mieten Unternehmen diese f\u00fcr ihre Angestellten, die auf dem Berliner Wohnungsmarkt sonst keine Wohnungen finden. Ehemals g\u00fcnstiger Wohnraum wird so zur Luxusware. Start-Ups, die zu gr\u00f6\u00dferen Unternehmen herangewachsen sind, steigen selbst in den Immobilienmarkt ein. Zalando kaufte Wohnungen am Boxhagener Platz, schmiss die alten Mieter*innen raus und h\u00e4lt diese nun zu H\u00f6chstpreisen f\u00fcr ihre Mitarbeiter*innenschaft vor.<\/p>\n<p>Umstrukturiert wird die Stadt auch durch die neuen Arbeitsverh\u00e4ltnisse, die mit dem stetig wachsenden Start-Up Bereich zunehmend an Bedeutung gewinnen. So locken Start-Ups auf der einen Seite die oben genannte hyperflexible neue Mittelklasse in Stadtteile, in denen dadurch Aufwertungsprozesse angetrieben werden und produziert auf der anderen Seite neue Formen der Prekarit\u00e4t. Die Spanne reicht dabei von vielen extrem miserabel bezahlten Clickworker*innen bis zu wenigen, die sich durch diese Arbeit zwar vieles leisten k\u00f6nnen, aber denen mit 35 das erste Burnout bl\u00fcht. Auf sie wartet die v\u00f6llige Verschmelzung von Lohnarbeit und Leben. Start-Ups verkaufen \u00f6konomische Zw\u00e4nge als Lifestyle, der Freiheit und Selbstbestimmung verspricht, im Kern aber auf eine noch st\u00e4rkere (Selbst)- Ausbeutung hinausl\u00e4uft. Vermeidlich leichte Aufstiegschancen und flache Unternehmenshierarchien sollen eine v\u00f6llige Identifikation der Arbeitenden mit ihren Bossen und den Zw\u00e4ngen der Lohnarbeit sicherstellen. Immer mehr Menschen werden, z.B durch Versprechen selbstbestimmter Arbeitszeiten, in schlecht bezahlte Jobs gelockt und dann etwa als Essensauslieferer*innen bei Deliveroo und Co ausgebeutet. Versuche der gewerkschaftlichen Organisierung werden mit allen Mitteln bek\u00e4mpft. Durch smarte Technik wird jeder Schritt oder Klick der Arbeiter*innen \u00fcberwacht. Jeder Gang zum Klo, jede Sekunde unproduktiven Bummelns wird registriert. In immer mehr Unternehmen geben Algorithmen den Ausbeutungstakt vor, kleinste Abweichung vom Terror der Leistungsnorm m\u00fcssen in Feedback-Gespr\u00e4chen erkl\u00e4rt werden oder f\u00fchren direkt zur Abmahnung.<\/p>\n<p>In ihrer Vision einer Stadt der Zukunft treffen sich gro\u00dfe Player wie Google mit vielen Start-Ups aus der Technologie-Branche und Offiziellen aus der Stadtverwaltung. &#8220;Smart City&#8221; ist das Schlagwort. Die Stadt soll mithilfe neuer Technologien &#8220;intelligenter&#8221; und effizienter werden. Daf\u00fcr soll etwa die Infrastruktur so vernetzt und Datenstr\u00f6me so nutzbar gemacht werden, dass der \u00f6ffentliche Raum durchg\u00e4ngig analysiert und gesteuert werden kann. Dass dies als Konsequenz eine Stadt schafft, in der Technik keine Befreiung von Zw\u00e4ngen bedeutet, sondern sie Mittel zu \u00dcberwachung und Kontrolle darstellt, ist absehbar. In Kombination mit den M\u00f6glichkeiten, die den Repressionsbeh\u00f6rden schon jetzt zur Verf\u00fcgung stehen, wie etwa der neuerdings am S\u00fcdkreuz angebrachten Kameras mit Gesichtserkennungssoftware, eine d\u00fcstere Vorstellung.<\/p>\n<p>Das massenhafte Auftauchen der Start-Ups ist kein Zufall sondern verweist auf die andauernde kapitalistische Verwertungskrise. \u00dcbersch\u00fcssiges Kapital, das keine anderen rentablen Anlage-M\u00f6glichkeiten findet, wird als Risikoinvestion in Start-Ups gepumpt mit der Hoffnung, weitere Bereiche unseres Lebens f\u00fcr die Profitgenerierung zu erschlie\u00dfen. Anstatt endlich mit dem sch\u00f6nen Leben f\u00fcr alle anzufangen werden uns nutzloser Schrott und Lifestyle-Apps als Innovation verkauft. Doch gegen diese Entwicklung regt sich Widerstand. Der deutschen Start-up-Verband zeigte sich gegen\u00fcber der Morgenpost besorgt \u00fcber sich entwickelnde K\u00e4mpfe gegen weitere Ansiedlungen von Start-Ups und neue Standorte von Google und Zalando in Kreuzberg und Friedrichshain (https:\/\/www.morgenpost.de\/berlin\/article214033549\/Start-ups-in-Berlin-Senat-gefaehrdet-die-Entwicklung.html ).<\/p>\n<p>Wir wollen den Widerstand gegen die Start-Up-City \u00fcber das gesamte Stadtgebiet ausweiten. Deswegen haben wir \u2026<\/p>\n<p>1.) \u2026 bei der Factory Mitte Farbe und Glasbruch hinterlassen, einem Co-Working Space und Start-Up Standort der unter anderem mit seinem neuen Ableger am G\u00f6rlitzer Park ein aktiver Verdr\u00e4ngungsakteur ist. (vgl.https:\/\/de.indymedia.org\/node\/15021)<\/p>\n<p>2.) \u2026 im Wedding in der Nacht zum 26. April ein Objekt der GSG markiert.<\/p>\n<p>Die Gewerbesiedlungsgesellschaft (GSG), die urspr\u00fcnglich daf\u00fcr gegr\u00fcndet wurde, Gewerbefl\u00e4chen zu niedrigen Preisen zu vermieten, ist seit 2007 privatisiert und geh\u00f6rt zu Gro\u00dfteilen international agierenden Konzernen. Seitdem steigen die Mieten rasant. Was die GSG davon h\u00e4lt, dass dabei vom sozialen Projekt bis zum mittelst\u00e4ndischen Unternehmen niemand mit diesen Mieten mithalten kann, bringt Sebastian Blecke, der Operative Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der GSG, in einem Interview mit dem rbb auf den Punkt: &#8220;Ein Start-up hat nat\u00fcrlich keine Zeit, sich mit dem Kiez und den Problemen der Bev\u00f6lkerung hier zu besch\u00e4ftigen.&#8221;<\/p>\n<p>Im &#8220;Zukunftsort Technologiepark Humboldthain&#8221; (TPH) wird nicht nur munter verdr\u00e4ngt, sondern auch aktiv an einer bonzengerechten Umgestaltung der Stadt get\u00fcftelt: Laut offizieller Internetseite ist der TPH ein wichtiger Vernetzungsort f\u00fcr Firmen &#8220;der klassischen Spitzentechnologie&#8221; und ein wichtiger Knotenpunkt f\u00fcr innovative Ideen f\u00fcr eine zuk\u00fcnftige &#8220;Smart City&#8221; Berlin.<\/p>\n<p>Welche Akteur_innen hier &#8220;networken&#8221; und welcher Art ihre &#8220;innovativen Ideen&#8221; sind, wird bei einem n\u00e4heren Blick auf Team und Partner schnell klar: Andreas Thisen, stellvertretender Vorsitzender des TPH, steht auf der Gehaltsliste von SPECS Surface Nano Analysis, einem Unternehmen, das unter anderem im Bereich der Nanotechnologie sein Unwesen treibt. Nanotechnologie wird kaum reguliert und findet verst\u00e4rkt in der Kriegsindustrie Anwendung: &#8220;Zu den mehr als 20 milit\u00e4rischen Anwendungsfeldern z\u00e4hlen neue Werkstoffe f\u00fcr zerst\u00f6rerischere Geschosse oder leichtere Kampfjets, Manipulationen an den K\u00f6rpern von Soldaten oder neuartige Biowaffen&#8221;, meint Physiker J\u00fcrgen Altmann.<\/p>\n<p>Zu den Partnern des TPH z\u00e4hlen unter anderem omni:us, die Deutsche Bank und IBM.<\/p>\n<p>Omni:us produziert Software zur Automatisierung von Firmen-Kund_innen-Kontakt, \u00fcberwiegend f\u00fcr Versicherungen.<\/p>\n<p>Die Deutsche Bank ist allseits f\u00fcr ihre Rolle in der Immobilienkrise und bei Lebensmittelspekulation verhasst. Au\u00dferdem tragen ihre Investitionen in Bergbauunternehmen, Palm\u00f6lproduzenten und die Braunkohleindustrie, sowie ihre Beteiligung an der Dakota Access Pipeline, massiv zur Zerst\u00f6rung der Umwelt bei. Aktuell gipfelt ihre lebensverachtende Profitgier in der Mitfinanzierung des Leopard II-Panzers, mit dem die T\u00fcrkische Armee in Afrin mordet.<\/p>\n<p>IBM produziert nicht nur Open-Source-Produkte und Konsolenhardware, sondern forscht auch zu so charmanten Tools wie dem &#8220;Internet der Dinge&#8221; und der Analyse riesiger Datenmengen, teils durch &#8220;Cloud-Computing&#8221;. IBM produziert au\u00dferdem Software zu milit\u00e4rischen Zwecken und ist Vertragspartner der US-Armee und der Bundeswehr.<\/p>\n<p>3.) \u2026 die Fassade des geplanten Google-Campus mit Farbe eingedeckt und in der Umgebung Botschaften des Widerstands hinterlassen.<\/p>\n<p>Google ist Hauptakteur bei der Transformierung kapitalistischer Herrschaftsverh\u00e4ltnisse hin zu totaler Kontrolle. Mit ca. 160 Mrd USD Jahresumsatz dr\u00e4ngt Google\/Alphabet zugleich zu neuen Gesch\u00e4ftsfeldern wie z.B. Smart-City-Projekten inklusive Immobilieninvestitionen.<\/p>\n<p>Steigende Mieten und den kapitalistischen Immobilienmarkt gab es schon vor Google \u2013 wir brauchen kein Mini-Sillicon-Valley in Berlin. Dem Versuch diesen Google-Campus in X-Berg zu etablieren, muss also mit kreativem Widerstand begegnet werden.<\/p>\n<p>Unser Hass und unsere Wut gelten all diesen Gewaltt\u00e4ter_innen, die sich ein goldenes N\u00e4schen verdienen mit der Verdr\u00e4ngung und Ermordung von Menschen, sowie der Digitalisierung und Automatisierung von Ausbeutung und Krieg.<\/p>\n<p>Die wachsende Protestbewegung gegen den Mietenwahnsinn (u.a. mit der Massendemonstration am 14. April in Berlin), die vielf\u00e4ltigen K\u00e4mpfe gegen den kapitalistischen Ausverkauf der Stadt und f\u00fcr unsere Freir\u00e4ume machen uns etwas Hoffnung in diesen d\u00fcsteren Zeiten. Wir m\u00fcssen diese K\u00e4mpfe verbinden und zuspitzen, uns gegenseitig kennenlernen und unterst\u00fctzen. Die Maisteine Aktionstage ( https:\/\/maisteine.blackblogs.org\/), die Organize Aktionswoche vor der Walpurgisnacht-Demo im Wedding ( https:\/\/organizeberlin.blogsport.eu) die Chaos- und Diskussionstage ( https:\/\/gegenstadt.blackblogs.org\/) oder die #besetzen Kampagne ( https:\/\/besetzen.noblogs.org\/) bieten daf\u00fcr vielf\u00e4ltige M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Autonome Gruppen<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Quelle<\/strong>: <a href=\"http:\/\/4sy6ebszykvcv2n6.onion\/node\/20417\">Indymedia<\/a> (Tor)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<!-- Here be dragons but no images. -->\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin, April 2018 Gentrifizierung und steigende Mieten sind in Berlin leider schon lange bekannt, schlechte Arbeitsverh\u00e4ltnisse erst recht. Relativ neu sind hingegen Start-Ups, Co-Working Spaces und Technologie Parks, die das Ganze auf die Spitze treiben. 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