{"id":4371,"date":"2016-08-21T00:00:17","date_gmt":"2016-08-20T22:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/chronik.blackblogs.org\/?p=4371"},"modified":"2016-08-21T00:00:17","modified_gmt":"2016-08-20T22:00:17","slug":"steine-gegen-quartiersmanagement","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/chronik.noblogs.org\/?p=4371","title":{"rendered":"Steine gegen Quartiersmanagement"},"content":{"rendered":"<p><strong>Leipzig<\/strong>, August 2016<\/p>\n<blockquote><p>Das alte Arbeiterviertel Leipzig-Lindenau ver\u00e4ndert sich rasant. Immer mehr H\u00e4user werden saniert und neue Bewohner ziehen nach, die die h\u00f6heren Mieten bezahlen k\u00f6nnen. Einigen Jugendlichen im Stadtteil gef\u00e4llt das nicht.<\/p>\n<p>Leipzig. Es fing an mit P\u00f6beleien gegen Investoren, die H\u00e4user kaufen und sanieren. <strong>Dann flogen Steine gegen die Fensterscheiben des Stadtteilladens in der Karl-Heine-Stra\u00dfe 54, in dem Hauseigent\u00fcmern und anderen Bauwilligen kostenlos geholfen wird.<\/strong> St\u00e4dtische Mitarbeiter und Stadtpolitiker sind seitdem hochgradig verunsichert. Denn die Angreifer lassen jeden wissen: Wir wollen solche Strukturen in Lindenau zerschlagen, weil die Stadt daf\u00fcr sorgt, dass wir unsere Mieten nicht mehr zahlen k\u00f6nnen und auf der Stra\u00dfe wohnen m\u00fcssen. Als sich der Leipziger K\u00fcnstler Volly Tanner \u00f6ffentlich gegen die Attacken aussprach, tauchten im Stadtteil Aufkleber auf, die ihn als Zerst\u00f6rer von Lindenau brandmarken. <!--more--><br \/>\nDer Schriftsteller hat sich inzwischen zur\u00fcckgezogen \u2013 Vertraute berichten, er und seine Familie ziehen aus Leipzig weg, weil sie um ihre Sicherheit f\u00fcrchten. Die Angreifer bekommen dagegen immer mehr Zulauf. In dieser Woche haben sie sich gegen den Willen der Stadtverwaltung in einem \u201eCamp der Sozialen Kampfbaustelle\u201c an der Gie\u00dferstra\u00dfe besser organisiert.<\/p>\n<p>Lukas ist einer der jungen Leute, die sich auf der \u201eKampfbaustelle\u201c eingefunden haben. \u201eMan kann nicht von einer erfolgreichen Entwicklung sprechen\u201c, meint der 23-j\u00e4hrige Arbeitslose. Denn in Lindenau entst\u00fcnden immer mehr Eigentumswohnungen, und die Mieten w\u00fcrden steigen. \u201eJetzt kommen Leute mit Geld her, und wir werden vertrieben.\u201c Im Stadtteil gebe es auch schon viel zu viele L\u00e4den mit teuren Waren, das Ordnungsamt kontrolliere \u00f6fter und Jugendliche wie er w\u00fcrden ihre alten Pl\u00e4tze verlieren, weil diese bebaut werden und die neuen Bewohner es gem\u00fctlich und ruhig haben wollen. Dabei gebe es eigentlich gar keine Ruhe und keinen Frieden, sagt der Jugendliche, der seinen vollen Namen nicht nennen m\u00f6chte. \u201eDie Polizei schmei\u00dft Leute wie uns raus, wenn wir die Miete nicht mehr zahlen k\u00f6nnen. Das ist auch Gewalt.\u201c<\/p>\n<p>Ordnungsamt geht nicht gegen &#8220;Soziale Kampfbaustelle&#8221; vor<\/p>\n<p>Die rund 60 Jugendlichen, die in dieser Woche t\u00e4glich in der \u201eKampfbaustelle\u201c diskutieren, bekommen Geschichten wie die von einem Haus in der Naumburger Stra\u00dfe zu h\u00f6ren, in dem Studenten und Gefl\u00fcchtete unter einfachsten Bedingungen gewohnt haben sollen. Die Ofenheizung sei miserabel gewesen und der Strom mit einem Generator im Keller erzeugt worden, so die Geschichte. Doch in diesem Fr\u00fchjahr sei ein Investor aufgetaucht und habe zuerst die maroden Essen abbrechen lassen wollen. \u201eAls er kam, waren 40 Leute von uns da und haben ihm klargemacht, dass er das lassen soll\u201c, so Lukas. Der Mann sei abger\u00fcckt und die Bewohner h\u00e4tten bleiben k\u00f6nnen. \u201eZum Gl\u00fcck\u201c, meint Lukas, \u201egibt es in Leipzig immer mehr Leute, die solchen Widerstand leisten. Es gibt viele Wagenpl\u00e4tze, Wohngemeinschaften und Kneipen, die sich der Entwicklung zu immer teurerem Wohnraum entgegen stellen. Und wenn es Deutschland bald schlechter geht, dann werden wir noch mehr.\u201c<\/p>\n<p>Im Ordnungsamt haben sich die Widerst\u00e4ndler auch schon Respekt verschafft. Denn das bestand schon vor acht Wochen darauf, dass das im Internet in sechs Sprachen beworbene \u201eCamp der Sozialen Kampfbaustelle\u201c offiziell angemeldet wird. \u201eDie Gemeinfl\u00e4chen, die wir nutzen, geh\u00f6ren denen, die hier wohnen \u2013 und nicht dem Ordnungsamt\u201c, hei\u00dft es im Camp, und es wird gefeiert, dass die Anmeldung erfolgreich verweigert wird und trotzdem niemand einschreitet. \u201eWir d\u00fcrfen die Situation nicht grundlos eskalieren lassen\u201c, meint ein Sprecher des Ordnungsb\u00fcrgermeisters Heiko Rosenthal (Linke). \u201eAber die Situation ist durchaus ernst.\u201c<\/p>\n<p>Das Dezernat von Leipzigs Baub\u00fcrgermeisterin Dorothee Dubrau (parteilos) hat den angegriffenen Stadtteilladen in dieser Woche schlie\u00dfen lassen, damit die Teilnehmer der \u201eKampfbaustelle\u201c dort nicht spontan randalieren. Die geplanten Veranstaltungen finden trotzdem im Laden statt \u2013 hinter verriegelten T\u00fcren. \u201eWir reagieren angemessen auf die Situation\u201c, verteidigt ein Sprecher des Baudezernats die Entscheidung. \u201eWir sind nicht f\u00fcr die \u00f6ffentliche Sicherheit zust\u00e4ndig.\u201c Bei der Polizei hei\u00dft es, sie sei von der Stadt \u201elediglich um Amtshilfe gebeten\u201c worden, eine grunds\u00e4tzliche Bewertung des Camps sei deshalb nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Lindenauer Politiker sehen die Entwicklung zunehmend kritischer. \u201eIch habe immer mehr Sorge, dass in Lindenau Auseinandersetzungen stattfinden, die nicht mit demokratischen Mitteln gef\u00fchrt werden\u201c, sagt Eva Brackelmann, die f\u00fcr die Leipziger SPD im Stadtbezirksbeirat Altwest arbeitet. \u201eDie f\u00fchrenden Kr\u00e4fte in der Stadt m\u00fcssen die Entwicklung ernst nehmen. Jeder kann leben wie er m\u00f6chte, aber ich erwarte auch Toleranz gegen\u00fcber anderen Lebensentw\u00fcrfen \u2013 selbst wenn sie aus anderer Sicht noch so spie\u00dfig sind.\u201c<\/p>\n<p>CDU fordert &#8220;massive Polizeipr\u00e4senz&#8221;<\/p>\n<p>Michael Weickert, Ortsverbandsvorsitzender der CDU-Altwest, fordert, die Angriffe auf st\u00e4dtische Institutionen nicht nur mit \u201ebetroffenen Mienen und Sonntagsreden\u201c abzuwehren. \u201eUnter dem sehenden Auge der Stadtspitze hat sich eine rechtsfreie Subkultur entwickelt\u201c, sagt er. Jetzt m\u00fcsse \u201emit massiver Pr\u00e4senz von Polizei und Stadtordnungsdienst\u201c agiert werden. \u201eWelche sogenannten sozialen Wohnprojekte oder alternativen Caf\u00e9s erf\u00fcllen denn alle notwendigen baulichen beziehungsweise hygienischen Bedingungen?\u201c, fragt Weickert. \u201eWarum wird dies von der Stadt geduldet?\u201c<\/p>\n<p>Die Camp-Teilnehmer lassen sich davon nicht beeindrucken. Ihr Stadtteil solle \u201enicht sch\u00f6n, sondern widerst\u00e4ndiger\u201c werden, steht auf einem ihrer Plakate. Auch Lukas, der seine Ausbildung abgebrochen hat und jetzt auf eine Studiengelegenheit wartet, will das. Das Jobcenter habe ihm zwei Monate lang seine St\u00fctze gestrichen, weil er nicht zu einem Bewerbungsgespr\u00e4ch erschienen sei, erz\u00e4hlt er. In dieser Zeit habe er sich in Hausprojekten ern\u00e4hrt, die Essen f\u00fcr alle anbieten. Zus\u00e4tzlich habe er noch \u201econtainert\u201c \u2013 also in den Abf\u00e4llen von Lebensmittell\u00e4den gewildert. Einen Job hat er trotzdem nicht angenommen. \u201eIch habe ein soziales Jahr mit behinderten Menschen hinter mir\u201c, sagt er. \u201eSeitdem wei\u00df ich, dass eine 40-Stunden-Arbeitswoche den K\u00f6rper und den Geist kaputt macht. Die Kreativit\u00e4t geht verloren.\u201c<\/p>\n<p>Im Camp wurde beschlossen, st\u00e4rker den Schulterschluss zu proben. \u201eLindenau soll so gestaltet werden, wie wir das wollen\u201c, zieht Lukas sein Fazit. \u201eWir wollen leben, wo und wie wir wollen.\u201c An den Diskussionen h\u00e4tten auch Leute aus Kurdistan teilgenommen. \u201eDie haben uns erz\u00e4hlt, wie sie bei sich eine Demokratie von unten aufbauen\u201c, so der Jugendliche.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Quelle<\/strong>: <a href=\"https:\/\/linksunten.indymedia.org\/de\/node\/187972\">LVZ<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leipzig, August 2016 Das alte Arbeiterviertel Leipzig-Lindenau ver\u00e4ndert sich rasant. Immer mehr H\u00e4user werden saniert und neue Bewohner ziehen nach, die die h\u00f6heren Mieten bezahlen k\u00f6nnen. Einigen Jugendlichen im Stadtteil gef\u00e4llt das nicht. Leipzig. Es fing an mit P\u00f6beleien gegen Investoren, die H\u00e4user kaufen und sanieren. 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