{"id":11469,"date":"2019-12-27T00:00:32","date_gmt":"2019-12-26T22:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/chronik.blackblogs.org\/?p=11469"},"modified":"2019-12-27T00:00:32","modified_gmt":"2019-12-26T22:00:32","slug":"zwei-ticketautomaten-der-bahn-zerstoert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/chronik.noblogs.org\/?p=11469","title":{"rendered":"Zwei Ticketautomaten der Bahn zerst\u00f6rt"},"content":{"rendered":"<p><strong>T\u00fcbingen<\/strong>, 27. Dezember 2019<\/p>\n<blockquote><p>In der Nacht vom 26. auf den 27. Dezember 2019 haben wir die Dunkelheit der Morgenstunden genutzt, um zwei T\u00fcbinger Ticketautomaten der Deutschen Bahn (DB) an den Stationen West und Derendingen anzugreifen. Diese Aktion folgte auf einen Testlauf im Juli diesen Jahres, wo der Automat in T\u00fcbingen West bereits einmal unsch\u00e4dlich gemacht, inzwischen repariert worden war und nun, zusammen mit einem zweiten, erneut angegriffen wurde.<\/p>\n<p>#Wie<br \/>\nIm Juli hatten Menschen sich zum ersten Mal den Ticketautomaten T\u00fcbingen West mit Hammer,<!--more--> N\u00e4geln und Farbe vorgenommen, wodurch der Automat unbenutzbar war. Daraufhin wurde er repariert und wir haben nun den reparierten Automaten und einen weiteren in T\u00fcbingen-Derendingen, erneut angegriffen &#8211; bei ersterem mit Brennpaste und Anz\u00fcndw\u00fcrfel das Tastenfeld f\u00fcr Kartenzahlung mit Feuer besch\u00e4digt, bei zweiterem die Schlitze f\u00fcr Geld und Geldkarten mit Sekundenkleber verklebt sowie Display, Automatennummer und Rufnummer mit Sprayfarbe verdeckt.<\/p>\n<p>#Warum militante Aktionen dieser Art<br \/>\nAnders als bei vielen anderen Aktionen passiert mit der Besch\u00e4digung oder Zerst\u00f6rung von Ticketautomaten ein direkter Effekt auf den Alltag von Menschen, deren konformes Handeln damit unterbrochen wird &#8211; Menschen, die normalerweise ein Ticket kaufen w\u00fcrden, m\u00fcssen mal ohne Ticket fahren, ohne dabei aber Repressionen bef\u00fcrchten zu m\u00fcssen. Alle, die f\u00fcr den Zeitraum, in dem der betreffende Ticketautomat kaputt ist, normalerweise dort ihr Ticket bezahlen m\u00fcssten, um z.B. zu ihrer Lohnarbeit zu kommen, werden so selbst zu Fahrer*innen ohne Ticket und machen m\u00f6glicherweise die Erfahrung, dass das gar nicht so schlimm ist. Dass Leute so an Ungehorsam herangef\u00fchrt werden und kurz erleben, was wir wollen &#8211; \u00f6ffentliche Mobilit\u00e4t kostenlos, unabh\u00e4ngig von Verm\u00f6gen\/Klasse &#8211; w\u00e4hrend dabei denen, die aktuell daran Profit machen (die Fahrgesellschaft bzw. der Staat) Gewinn entgeht und Reparaturkosten anfallen, macht diese Aktionsform f\u00fcr uns so effektiv und gerechtfertigt. In T\u00fcbingen gibt es unserer Meinung nach zu wenige direkte Aktionen. Bannerdrops, Flyer verteilen, Sprayen gehen, eine Demo organisieren &#8211; das sind alles wichtige Aktionsformen, aber alle haben keinen wirklichen direkten Effekt im Alltag der restlichen Menschen. Daher w\u00fcrden wir gerne mehr Aktionen sehen, die die bisherige Aktionsroutine erweitern und aufbrechen k\u00f6nnen. F\u00fcr mehr kreative direkte Aktion!<\/p>\n<p>#Wieso<br \/>\nWir befinden uns in einer Zeit, in der das Wissen um Umweltzerst\u00f6rung und Klimakrise unanzweifelbar im Raum steht, allgemeine Handlungsnotwendigkeit und auch Einiges, was getan werden m\u00fcsste, bekannt sind &#8211; und dennoch passiert bei Weitem nicht genug.<br \/>\nWir m\u00fcssen Emissionen jetzt und hier einsparen und k\u00f6nnen es uns nicht mehr leisten, dass Menschen, ganz besonders in gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten, in denen notwendige Infrastruktur vielleicht auch schon existiert, allein in gro\u00dfen Autos fahren, im Stau stehen, und die Luft weiter verschmutzen. Es ist eine Absurdit\u00e4t, dass das Wissen um Klimakrise weit verbreitet und und auch in der staatlichen Politik in aller Munde ist, aber ganz offensichtliche, konkrete Ma\u00dfnahmen wie die kostenlose Nutzbarkeit von \u00d6PNV (\u00d6ffentlicher Personennahverkehr)- welcher ja f\u00fcr viele Menschen sogar notwendig ist, um in diesem System zu funktionieren, z.B. sich zwischen Arbeitsplatz und Wohnort zu bewegen &#8211; nicht getroffen werden. Wir brauchen gut ausgebauten und f\u00fcr alle verf\u00fcgbaren, also z.B. kostenlosen (Nah-)Verkehr in \u00f6ffentlicher Hand. Doch wider allen Wissens geht der Trend eher in Richtung Preiserh\u00f6hungen und Privatisierung von \u00d6PNV, sowie Subventionierung, Forschung in und Ausbau von Individualverkehr, z.B. (&#8220;\u00f6kologischere&#8221;) Autos oder E-Scooter. Es ist also zwingend notwendig, dass wir die Entscheidungsmacht dar\u00fcber gewinnen, welche Ma\u00dfnahmen zur Rettung des Klimas durchgef\u00fchrt werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>#Mobilit\u00e4t als Grundrecht<br \/>\nBewegungsfreiheit ist ein Grundrecht &#8211; daher darf Mobilit\u00e4t f\u00fcr viele Menschen nicht strukturell, also entlang von Herrschaftsachsen wie Klasse\/Verm\u00f6gen, weniger zug\u00e4nglich sein. Dies ist aber der Fall, wenn Mobilit\u00e4t a) (viel) Geld kostet und b) in verschiedenen Regionen verschieden ausgebaut ist:<\/p>\n<p>a) Aktuell ist zur Straftat erkl\u00e4rt, f\u00fcrs Mobilsein nicht zahlen zu k\u00f6nnen, und die Nutzung der existenten Verkehrsmittel ohne Ticket kann sogar mit Knast (Ersatzfreiheitsstrafe) oder Abschiebung enden. Vom &#8220;Nulltarif&#8221; w\u00fcrden also direkt \u00e4rmere und unterdr\u00fccktere Bev\u00f6lkerungsschichten profitieren, denen Mobilit\u00e4t entweder strukturell verunm\u00f6glicht oder deren Nutzung kriminalisiert wird. Stattdessen w\u00e4ren die Menschen nicht mehr gehindert, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, weil ihnen das Geld fehlt, sich frei(er) zu bewegen. Kostenlose Mobilit\u00e4t ist daher ein wichtiger Schritt hin zu mehr sozialer Gerechtigkeit.<\/p>\n<p>b) Der Ausbau von \u00d6PNV-Netzen kann au\u00dferdem daf\u00fcr sorgen, dass Menschen, die in l\u00e4ndlichen, strukturschwachen Regionen leben, wo &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211; nur zweimal am Tag der Bus f\u00e4hrt, besser angebunden werden k\u00f6nnten, und nicht mehr auf ein Auto angewiesen w\u00e4ren. Der Ausbau des \u00d6PNV-Netzes in solchen Regionen hat auch das Potential, der Landflucht und resultierender \u00dcberf\u00fcllung von St\u00e4dten und Ballungszentren entgegenzuwirken.<\/p>\n<p>Die Besch\u00e4ftigung mit diesem Thema bringt uns notwendigerweise auch auf kapitalistischen Wachstumszwang und Straflogik &#8211; denn Gehorsam und staatliches Strafen auch und gerade in solch &#8220;kleinen&#8221; F\u00e4llen dienen der Sicherung der staatlichen Autorit\u00e4t allgemein; sie verlaufen entlang von Achsen der Ungleichheit und versch\u00e4rfen diese, z.B. soziale Ungleichheiten, dabei weiter. Eine Entkriminalisierung des ohne Ticket-Fahrens ist daher ein wichtiger Startpunkt, allerdings ist unsere Perspektive dabei eine klar abolitionistische. Das eigentliche Problem ist nicht, dass ohne Ticket-Fahren eine Straftat ist, sondern dass ein Herrschaftssystem wie der Staat festlegen kann, was verboten ist und was nicht &#8211; entlang von staatlichen und kapitalen Interessen. Denn es ist mit Sicherheit kein Zufall, dass arme unterdr\u00fcckte Mensche die sind, die am meisten unter der Kriminalisierung von freier \u00d6PNV-Nutzung leiden. Denn in unserer Gesellschaft werden Grundbed\u00fcrfnisse wie Mobilit\u00e4t an finanzielle Ressourcen gekn\u00fcpft und so Armut und Unterdr\u00fcckung weiter versch\u00e4rft und an sich kriminalisiert. Daher wollen wir weiter gehen als eine Entkriminalisierung des Ticketfrei-Fahrens. Wir wollen die Kriminalisierung des Arm-Seins \u00fcberwinden und auf eine Welt hinarbeiten, in der keine Menschen im Knast sitzen, weil sie kein Geld f\u00fcr ein Zugticket hatten.<br \/>\nUnd: Selbst aus kapitalistischer Effizienzlogik betrachtet sind Fahrkahrten ein Reinfall: Die Einnahmen aus Fahrkarten m\u00fcssen zu einem guten Teil (min. ein F\u00fcnftel) f\u00fcr das Fahrkartenwesen selbst &#8211; Fahrkartenverkauf, Automaten, Kontrolle und Werbung &#8211; ausgegeben werden und sind so ziemlich ineffizient.<\/p>\n<p>#Wem geh\u00f6rt die Stadt?! Was f\u00fcr eine Mobilit\u00e4t tut Bewohner*innen der St\u00e4dte gut?<br \/>\nAutomobilit\u00e4t? (Eigentlich) Keine Option.<br \/>\nDie weitere F\u00f6rderung und Akzeptanz von motorisiertem Individualverkehr, insbesondere Automobilit\u00e4t, kann aus vielerlei Gr\u00fcnden kritisiert werden &#8211; auch etwa, weil es sie nur f\u00fcr Menschen gibt, die fahren k\u00f6nnen, d\u00fcrfen und sich ein Auto leisten k\u00f6nnen.<br \/>\nDer Autoverkehr in St\u00e4dten macht diese durch Abgase und L\u00e4rmbelastung weniger lebenswert, au\u00dferdem gehen unglaublich viele Fl\u00e4chen durch Parkpl\u00e4tze und Parkh\u00e4user verloren. Auch werden unsinnigerweise weiterhin neue Stra\u00dfen und Autobahnen gebaut, f\u00fcr die wertvolle Natur zerst\u00f6rt und oft auch Wohngebiete auseinandergerissen und direkt mit Abgasen und L\u00e4rm belastet werden. Insgesamt erfordert Stra\u00dfen(aus)bau Fl\u00e4chenversiegelung im gro\u00dfen Stil, wodurch Fl\u00e4chen f\u00fcr Wasseraufnahme und Gr\u00fcnfl\u00e4chen verloren gehen &#8211; alles entgegen dem, was alle Menschen sich w\u00fcnschen und ihnen gut tut: saubere Luft, Ruhe, lebenswertere (Innen-)St\u00e4dte, gesch\u00fctzte Wohngebiete und Natur.<\/p>\n<p>#Sonstige Alternativen und gr\u00f6\u00dferer Rahmen<br \/>\nUm diese Ziele zu erreichen, gibt es viele Alternativen f\u00fcr soziale und umweltvertr\u00e4glichere Mobilit\u00e4t f\u00fcr alle, etwa Fahrr\u00e4der, Fl\u00e4che f\u00fcr &#8220;gr\u00fcne&#8221; Verkehrsmittel statt f\u00fcr Autos, autofreie St\u00e4dte, und eben Ausbau von Schienenverkehr\/\u00d6PNV zum Nulltarif, der es erm\u00f6glicht, dass Menschen gro\u00dfteils auf \u00d6PNV als Verkehrsmittel umsteigen. Allerdings muss uns dabei auch bewusst bleiben, dass es keine gr\u00fcne L\u00f6sung f\u00fcr das \u00dcberma\u00df an kapitalistischer Mobilit\u00e4t gibt und mit dem Ausbau von \u00d6PNV und der vermehrten Nutzung von Fahrr\u00e4dern, das Problem nicht allein l\u00f6sbar ist. Die Logiken globaler Warenstr\u00f6me statt lokal vernetzter Produktion, die Notwendigkeit des immer weiter gehenden untragbaren Wachstumdogmas im Kapitalismus und allgemein die Orientierung an Profit statt an den Bed\u00fcrfnissen der Menschen, m\u00fcssen genauso \u00fcberwunden werden. Sonst verkommt ein wichtiger Schritt, kostenloser \u00d6PNV, zu wenig mehr als Augenwischerei.<\/p>\n<p>In T\u00fcbingen k\u00f6nnen wir zwar derzeit samstags ohne Ticket fahren, aber das ganze Geld f\u00fcr Ticketautomaten, Kontrollen, etc. wird trotzdem noch ben\u00f6tigt. Und es ist schon ironisch, dass mit dem Samstag erm\u00f6glicht wurde kostenlos zum Shoppen zu fahren, statt unter der Woche Menschen die notwendige Mobilit\u00e4t zu Arbeit, etc. zu erm\u00f6glichen, die es braucht, um in dieser kapitalistischen Gesellschaft zu \u00fcberleben. Andererseits auch nur konsequent, denn wenn Profit \u00fcber allem steht, macht es auch nur Sinn weiteren Konsum und damit Profit zu f\u00f6rdern. Uns ist der Samstag nicht genug, er scheint viel mehr wie ein weiteres gr\u00fcnes Feigenblatt, dass den rechten Hetzer Boris Palmer und die angebliche \u00d6kostadt T\u00fcbingen gut aussehen lassen, w\u00e4hrend eigentlich alles wie immer weiter geht. Daher wollen wir die Frage zu kostenlosem Nahverkehr selber in die Hand nehmen und beginnen Ticketfrei-Fahren praktisch umzusetzen. Kein Automat, kein Ticket, kein Problem!<\/p>\n<p>Wir f\u00e4nden toll, wenn andere Menschen oder Gruppen diese Aktionsform ausprobieren und selbst anwenden w\u00fcrden. Weitere Aktionsideen zu dieser Thematik w\u00e4ren z.B. das Fahren ohne Ticket als Aktion oder das Bekleben von Automaten, dass diese kaputt w\u00e4ren. Das Angreifen von Ticketautomaten k\u00f6nnen wir f\u00fcr Aktionen empfehlen, weil sie so effektiv, aber je nach konkreter Aktionsform recht niedrigschwellig und Automaten fast in allen Orten zu finden sind. Zu beachten sind Video\u00fcberwachung an einigen Fl\u00e4chen der DB (z.B. Gleise an gr\u00f6\u00dferen Bahnh\u00f6fen, Bahnhofsgeb\u00e4ude) durch Vermummung, Aktionskleidung und Verschleierung der K\u00f6rperform, das Nichtentdecktwerden durch gute Wege und das Checken der Fahrpl\u00e4ne sowie das Nicht-Zur\u00fccklassen von Gegenst\u00e4nden sowie Fingerabdr\u00fccken und ggf. Spuren am Aktionsort mithilfe von (Arbeits- und Einmal-)Handschuhen und das S\u00e4ubern von Aktionswerkzeugen von Abdr\u00fccken und ggf. mit Aceton (teilweise) von DNA. Zu beachten sind die gesonderten Straftatbest\u00e4nde f\u00fcr Brandanschl\u00e4ge. Viel Spa\u00df!<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Quelle<\/strong>: <a href=\"http:\/\/4sy6ebszykvcv2n6.onion\/node\/57277\">Indymedia<\/a> (Tor)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>T\u00fcbingen, 27. Dezember 2019 In der Nacht vom 26. auf den 27. Dezember 2019 haben wir die Dunkelheit der Morgenstunden genutzt, um zwei T\u00fcbinger Ticketautomaten der Deutschen Bahn (DB) an den Stationen West und Derendingen anzugreifen. 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